KreditKRISE? – KreditBLOCKADE!

Nun, die letzte Woche hat Stoff für unzählige Posts im financeBLOG geliefert. Ich gebe mir Mühe, auf Beobachtungen hinzuweisen, die nicht bereits in den Tagesmedien “plattgewalzt” wurden.

Commercial Paper Spread

Commercial Paper Spread

Schier Unglaubliches hat sich in den kurzfristigen Geldmarktzinsen in USD zugetragen. Teilweise haben sich die Zinssätze für Overnight-Anlagen verdoppelt. Der Aufschlag in den Commercial Papers hat sich Mitte Woche mehr als verdreifacht. Kurzfristige Anlagen oder Kredite waren also nicht einfach knapp, sondern schlicht unmöglich. Der Chart stellt die Entwicklung des Risikoaufschlags in den Commercial Papers von US-Unternehmen ohne Banken (Finanzwerte) dar. Normalerweise werden diese Kredite den Unternehmen von Geldmarktfonds zur Verfügung gestellt. Dies erklärt auch, wieso die erste konkrete Rettungsmassnahme neben dem “Bailout” einzelner Gesellschaften der Unterstützung von Geldmarktfonds galt. Die Kreditkrise hatte sich Kurzfristig zu einer Kreditblockade ausgeweitet!

Commercial Papers sind in den USA ein wichtiges Geldmarktinstrument, um die kurzfristige Liquidität zu steuern. Üblicherweise werden Commercial Papers von erstklassigen Schuldnern herausgegeben oder die Forderungen werden mit Wertpapieren besichert (asset backed).

Freitag, 19.9.2008: What a week!

What a week!

  • Ein “Financial Tsunami” fegt durch die Finanzwelt in New York und weltweit. The Daily Reckoning prägt diesen Begriff, der diese unfassbare, geschichtsträchtige Woche wohl am besten umschreibt.
  • Lehman Brothers beantragt am Montag Gläubigerschutz unter “Chapter 11″. Die Investmentbank Merrill Lynch muss sich für USD 50 Mrd. in die rettenden Arme der Bank of America begeben. Der US-Versicherungsriese AIG überlebt nur dank einem Notfallkredit über USD 85 Mrd. Die britische Lloyds TSB übernimmt ihren Konkurrenten HBOS. In Russland wird die Börse für einen ganzen Tag angehalten.
  • Am Freitag präsentiert US-Finanzminister Paulson einen umfassenden Plan, um die internationale Kreditkrise einzudämmen. USD 50 Mrd. werden sofort für Geldmarktfonds zur Verfügung gestellt. Die Auffanglösung wird hunderte Mrd. USD kosten. Short-Selling wird verboten. Die Börsen reagieren euphorisch, UBS gewinnt an einem Tag mehr als 31%.

Allen Lesern des financeBLOG ein fantastisches Wochenende! Nach dieser Woche brauchts wohl viel frische Luft, Natur, Bewegung. Meine Vorbereitungen für den Berlin Marathon schliesse ich mit einem entspannten Lauf über 30km ab. Anschliessend werde ich mich dem Garten widmen, die Seele etwas baumeln lassen, nicht an den Wahnsinn auf dem Börsenparkett in dieser Woche denken. Wow!

“Dead-Cat-Bounce”

Wir erinnern uns an die letzte Börsenwoche: Am Montag, 8.9.2008, wurde in den USA die Rettung von Fannie Mae und Freddie Mac bekannt gegeben. Der Dow Jones Industrial-Average legt an diesem Tag fast 300 Punkte zu. Bereits am Dienstag gibt er aber die ganzen Gewinne wieder her und schliesst die Woche tief im Minus. Diese Woche setzten sich die Verluste fort. In diesem Zusammenhang liest man in den Medien immer wieder der Börsen-(Slang)-Begriff “Dead-Cat-Bounce”. Worum geht’s?

Der Begriff wurde erstmals 1985 dokumentiert. Ein Journalist der Financial Times zitierte einen Aktienhändler mit der Aussage, der soeben erlebte Anstieg der Aktienkurse in Singapur und Malaysia sei ein “Dead-Cat-Bounce”. Der Begriff beschreibt ein Muster an den Finanzmärkten, bei dem die Kurse nach einem happigen Verlust umgehend wieder ansteigen. Der Anstieg ist mässig und nach kurzer Zeit sind die vorherigen Tiefststände wieder erreicht. Nach einem “Crash” gibt’s also nochmals einen Ausschlag nach oben, bevor die Preise erneut abstüren. Im Bild der Dead-Cat-Bounce im Nasdaq nach dem Platzen der New Economy-Bubble im Jahr 2000

Der Begriff kommt von dem englischen, zynischen Sprichwort: “Even a dead cat will bounce if it is dropped from high enough! (deutsch: „Selbst eine tote Katze wird hüpfen, wenn sie nur hoch genug abgeworfen wird!“). (Wikipedia)

Von “Subprime” zu “Alt-A”: Die Kreditkrise wandert weiter

Bis anhin war im Zusammenhang mit der Immobilien- und Kreditkrise in den USA vorwiegend von Subprime-Schuldnern die Rede. Nun ziehen zusätzliche dunkle Wolken über dem Alt-A-Segment auf. Worum geht’s?

Subprime bezeichnet Schuldner mit offensichtlich schlechter Qualität. Merkmale, die zu Subprime-Einstufung führen können, sind

  • Zahlungsverspätungen von 30 Tagen während den letzten zwölf Monaten
  • Zahlungsverspätungen von 90 Tagen während den letzten drei Jahren
  • Privater Konkurs in den letzten 7 Jahren
  • generell schlechte “Credit History” oder ungenügende “Credit Scores” (tiefer als 620)

Jeder Marktteilnehmer weiss heute, wie schlecht der Zustand in den letzten Jahren in diesem Segment war. Nun droht ähnliche Gefahr im Alt-A-Segment. Es geht dabei um Schuldner, welche ihr Einkommen bei Kreditabschluss nicht dokumentieren wollten oder konnten. Typische Merkmale von Alt-A-Schuldnern:

  • Ungenügende Dokumentation über Einkommen und Vermögen des Schuldners
  • Keine “Einkommensbestätigung”
  • Geringe “Tragbarkeit”, Zinslast macht einen bedeutenden Teil des Einkommens aus
  • Hohe Belehnung, beim Hauskauf wurde kein/wenig Eigenkapital eingebracht.

Einige Zahlen: Es gibt in den USA rund 3 Millionen Alt-A-Schuldner mit einem Kreditvolumen von USD 1 Billion (die deutsche Billion, engl. trillion…).  Wholesale Access schätzt, dass bis zu 70% der Alt-A-Schuldner bei Abschluss der Hypothek ihr Einkommen übertrieben angegeben haben. Ungefähr 16% der Alt-A-Hypotheken, welche seit Januar 2006 lanciert wurden, sind in den Zahlungen mindestens 60 Tage verspätet. Die gesprochenen Kredite von USD 1 Billion sind höher als die heute noch ausstehenden USD 855 Mrd. Subprime-Hypotheken.

Wir müssen damit rechnen, dass die Abschreibungen in den Bankbilanzen noch eine Weile anhalten werden. Käufe in Finanzwerten sind noch zu früh, man weiss vielfach schlicht nicht, was man mit einem Banktitel kauft. Es sei denn, man investiert in eine Bank ohne Kreditgeschäft mit hohen, stabilen Kommissionserträgen. Momentan nicht leicht zu finden.

Fannie & Freddie: Darf ich vorstellen…?

Auf www.investmentpostcards.com habe ich noch etwas zum Schmunzeln gefunden…

Darf ich vorstellen: Freddie Mackie (56) – Freunde nennen
ihn Freddie Mac – lebt mit seiner Frau Carol in Glasgow. Interessanterweise arbeiter er dort als Hypotheken-Vermittler…

Darf ich vorstellen: Fannie MAY (53). Sie arbeitete als Lehrerin
in Cambridge. Nun versucht sie ihr Comeback als Rock Sängerin
und möchte noch dieses Jahr ein Album aufnehmen.

Wie sagte doch Andy Warhol 1968: “In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.”

CDS – Ein konkretes Beispiel

Credit Default Swaps (CDS) sind in aller Munde. Darum hier ein einfaches, aktuelles Beispiel:

Am 11.9.08 wurden CDS auf Lehman Brothers mit einem Aufschlag von 775 Punkten gehandelt. Ein CDS ähnelt einer Kreditversicherung. Ausfallrisiken von Krediten und Anleihen können so gehandelt werden. Der Sicherungsnehmer bezahlt normalerweise eine regelmäßige Gebühr und erhält bei Eintritt des bei Vertragsabschluss definierten Kreditereignisses, also beispielsweise dem Ausfall der Rückzahlung aufgrund Insolvenz des Schuldners, eine Ausgleichszahlung.

Bei unserem Beispiel kostet die Versicherung gegen einen Ausfall von Forderungen gegen Lehman Brothers 7.75% des Versicherungswerts. Wenn ein Investor also USD 10 Mio. an Lehman-Anleihen im Depot hat, muss er jährlich USD 775’000 Versicherungsprämie bezahlen, um sich gegen einen Verlust bei einem allfälligen Konkurs von Lehman zu schützen.

Aktuell sind die Versicherungsprämien im Fall Lehman Brothers sehr hoch. Fast so hoch wie die Versicherungsprämien bei Bear Stearns kurz vor deren Zusammenbruch. Klar: es ist ziemlich teuer, ein Haus zu versichern, das schon lichterloh brennt.

Freitag, 12.9.2008: What a week!

What a week!

  • Der amerikanische Staat rettet mit USD 50-100 Mrd. Steuergeldern die überschuldeten Leader im Hypothekenmarkt, Fannie Mae und Freddie Mac. Die Verstaatlichung stellt ein “CDS-Ereignis” dar und man rätselt heute noch, was dies bedeuten könnte…
  • Der junge Aufwärtstrend im USD wird weiterhin von zahlreichen Marktteilnehmern unterschätzt. Gegen den EUR wird die Marke von 1.40 unterschritten, ein neues Jahrestiefst des EUR gegen den USD. Wie so oft klettert der USD im Aufwärtstrend die berühmte “Wall of Worry”.
  • Lehman Brothers, die 158-jährige (!) Investmentbank, liegt in arger Schieflage. Erneute Abschreiber machen Kapitalspritzen und Notverkäufe von Assets nötig. Am CDS-Markt wird Lehman mit einem Aufschlag gehandelt, welcher fast gleich hoch ist wie derjenige von Bear Stearns kurz vor deren Zusammenbruch.

Allen Lesern des financeBLOG ein fantastisches Wochenende! Ich werde im Rahmen der Vorbereitungen auf den Berlin Marathon einen weiteren 35km-Lauf absolvieren. Am Samstag sind “alle vier” Eltern zu Besuch, da werden eine (oder zwei) sehr feine Flasche(n) aufgetan. Und der Wetterbericht für Sonntag tönt nach Web 2.0 und Social Networking.

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